Halbtöne auf der GHB

Interessante Möglichkeiten auf der Great Highland Bagpipe


Dieser Artikel richtet sich an alle Highlandpiper (und natürlich alle, die es interessiert), die bereit sind etwas neues auszuprobieren. . . .

Kürzlich habe ich hier im Sackpfeifenclub unter ´häufige Fragen´ gelesen, daß auf der Highland Pipe nicht mehr Töne spielbar seien als die neun, die gemeinhin bekannt sind. Vor geraumer Zeit noch hätte ich hier wohl zugestimmt, aber mittlerweile kann ich aus eigener Erfahrung sagen, daß dem nicht so ist. Wahrscheinlich ist dies für den ein oder anderen keine Neuigkeit, denn ich habe früher schon von dem ein oder anderen Piper den Begriff ´Blue-Note´ gehört, der, soweit ich weiß, die Moll-Terz bezeichnet, also den Halbton über dem uns als Highland-Pipern bekannten ´B´. Aber schon der Begriff ´Blue Note´ löst bei mir eher so etwas aus wie, daß es sich hierbei um eine etwas undefinierte Note handelt, mit der man nicht so viel anfangen kann, und die vielleicht auch manchmal nicht so ganz stimmt.

- Zeitsprung -

Während einer Unterrichtsstunde stimmte ich den Dudelsack eines Schülers. Dabei versuchte ich impulsiv ein paar Gabelgriffe, die man von anderen Dudelsäcken / Flöten her kennt, und die allesamt fruchteten, d.h. ich fand 4 zusätzliche Töne, low a #; c nat., f nat., high g#, und alle waren sehr gut in tune (Ich habe es noch nicht so genau probiert, aber ich glaube, daß auch ein d # spielbar ist - aber es wäre sowieso von keinem großen Nutzen, da es in den wichtigen Tonleitern wie Dur und Moll nicht vorkommt, die man u.a. mit Hilfe der oben genannten ´Erweiterungs-Töne´ spielen kann). Später versuchte ich die Griffe auch auf meinem Chanter, und sie funktionierten! Die Tatsache, daß das funktioniert, ist eigentlich kein Wunder, denn ein konisch gebohrter Chanter ist theoretisch geradezu prädestiniert, mit Hilfe von Gabelgriffen fehlende Halbtöne zu erzeugen, was bei einem zylindrisch gebohrten Chanter nicht der Fall ist, siehe z.B. Scottish Smallpipe - da müßten dann schon Klappen her. Es gibt nicht unwesentlich viele Beispiele für konisch gebohrte Chanter, die mit Hilfe von Gabelgriffen chromatisch gespielt werden, siehe z.B. der Mussette Bechonnet, Schäferpfeife und Border Pipe etc.

Soweit ich das rückblickend aus Begegnungen mit anderen Pipern / Pipemakern beurteilen kann, ist das Wissen um diese theoretisch existierenden Halbtöne eigentlich kein Geheimnis, bzw. nichts Neues. Tatsache ist aber, daß die sich daraus ergebenden Möglichkeiten, so scheint es mir, fast ´mit Absicht´ ignoriert werden, und damit das Instrument in einem Teil seiner Geschichte verleugnet wird, was meiner Meinung nach die GHB nicht so ´groß´ werden läßt, wie sie eigentlich sein könnte (siehe lustigerweise auch der Name). Mit Hilfe der 3 Zusatznoten c nat., f nat. und high g# stehen einem musikalisch in Verbindung mit den ohnehin existierenden Noten der GHB innerhalb der Oktave wirklich fast alle Türen offen!!!

Die Gründe dafür, daß gemeinhin abgestritten wird, daß die Highland Pipe noch mehr zu bieten hat, sind meiner Meinung nach vielschichtig, aber ein mit Sicherheit wesentlicher Bestandteil ist der, daß sich seit ihrer ´Geburt´ die Rolle der Highland Pipe mehr und mehr geändert hat. Mittlerweile und ja auch schon seit nunmehr einigen Jahrhunderten wird die Great Highland Bagpipe als Kriegsinstrument benutzt, man spielt sie zusammen mit Drum-Corps, summa sumarum sogenannte Pipebands; soweit wohl keine Neuigkeit. Durch diese Einbindung der Highland Pipe ins Militär ergeben sich eine Menge Spielregeln für alle, die dieses Instrument erlernen wollen - Spielregeln, die meines Erachtens nicht immer sehr viel mit Musik zu tun haben, und durch die auch ein wichtiger Teil Musik der Great Highland Bagpipe unter den Tisch fällt. Das ganz entscheidende wird dabei leider vergessen, nämlich das die Highland Pipe ursprünglich, wie auch jeder andere Dudelsack in jeder anderen Kultur, egal ob das nun die spanische, französische oder deutsche etc. ist, eigentlich ein Volksinstrument war, daß bei vielerlei Anlässen wie Geburtstagen, Hochzeiten etc. gespielt wurde, und daß es keineswegs seinerzeit und damit in seinem Ursprung ein Kriegsinstrument war!, sondern vielmehr ein sehr spirituelles Instrument.

Ich bin der festen Überzeugung, daß zu seiner Zeit auf der Highland Pipe auch diese Halbtöne genutzt wurden. Es kann kein Zufall sein, daß der Chanter der Highland Pipe diese Halbtöne erzeugen kann, denn wenn ich mich auf die Aussage eines renomierten Dudelsackbauers verlassen kann, dann gibt ein Chanter nur bei der exakten Einhaltung eines ganz speziellen Steigungswinkels im Zusammenwirken mit dem passenden Reed diese Halbtöne ´in tune´ von sich. Und da will ich doch mal behaupten, daß dieser spezielle Chanter, der diese Halbtöne erzeugen kann, mit viel Mühe und Arbeit über die Jahrzehnte / -hunderte entstanden ist, weil man das so wollte, und nicht weil es zufällig kam. Und man wollte es, weil die Halbtöne benutzt und gewollt wurden! Und als der Dudelsack dann in das Militär eingebunden wurde, da, so scheint es, wurden diese Halbtöne nicht mehr benutzt - ich kenne kein Stück aus irgendeinem Highland Pipe Tune Book, daß andere Noten als die 9 benutzt, die auch normalerweise als einzige vermittelt werden - man möge mich verbessern.

Warum? Keine Ahnung... - aber vielleicht unter anderem deswegen, weil diese Halbtöne nicht immer die zuverlässigsten sind, wenn es um die Stabilität etc. geht, und das ist für eine Pipe - Band, wenn es z.B. um ´Unison´ geht, natürlich eher schlecht, was sie für solche Zwecke eher in Frage stellt!

Ich möchte hier wirklich niemanden aufgrund seiner Einstellung und / oder musikalischen Vorlieben angreifen bzw. auf die Füße treten (ich selbst höre sehr gerne Pipe-Band-Musik! - jedoch ändert das für mich nichts an den Tatsachen), aber mir persönlich scheinen da doch einige Sachen im Argen zu liegen: Da wird sich völlig konservativ auf irgendwelche abwegigen Pipe-Band-Regeln berufen, und das meist von Leuten, die von Musik im allgemeinen nicht gerade sehr viel verstehen, für die Musik in einer völlig irrsinnigen Aneinanderreihung von Gracenotes besteht, und die einen guten Piper eben daran erkennen wollen - und die nicht auf die Dinge zu achten fähig sind, die ein wirklich guten Musiker / ein gutes Stück ausmachen, denn das sind z.B. keineswegs möglichst viele Gracenotes - die können höchstens das Salz in der Suppe sein, aber auch nicht mehr (Pibroch mal außen vor gelassen)!

Es ist einfach jammerschade, daß Highland Pipe Musik nicht vor dem 18 Jh. aufgeschrieben wurde, damit wir ihre Geschichte zuvor besser nachvollziehen könnten!! Ich möchte also mit diesem Artikel darauf hinweisen, daß die Highland Pipe theoretisch und meiner Einschätzung nach historisch gesehen eine größere Skala und musikalische Tradition hat als gemeinhin angenommen, und die musikalische Geschichte dieses Instrument weit über Marschmusik hinausgeht. Man sollte sich vielleicht mal wieder mit dem Gedanken anfreunden, daß die Highland Pipe in erster Linie ein Instrument ist und war, und das dieses Instrument wie ein jedes Instrument uns Geschichten aus einer anderen, vergangenen Zeit in Form von Melodien fähig ist nahe zu bringen, Geschichten die unsere Geschichten sind, und die gehört werden wollen, wie es z.B. im Pibroch passiert. Und ich glaube, daß es da noch eine weitere Form der Musik für die Highland Pipe gibt, neben ceol mhor und ceol aotrom, eine Musik, die in Richtung der Border Pipe Musik geht, in Richtung ´lebendige Geschichte´, Musik, die Wahrheiten zu berichten hat, und die meiner Meinung nach unter anderem irgendwo in diesen Halbtönen existiert.

Abgesehen davon gibt es sehr gute Piper (wie z.B. Gordon Duncan), die auch diese Töne nutzen, und die übrigens auch immer öfter nicht mit einem verstimmten ´high a´ spielen, aber das ist ein anderes Thema (siehe ´Chanter´, Magazin der ´Bagpipe Society´ , Autumn und Winter 2000).
Die ganze Geschichte um die Highland Pipe gestaltet sich auch wohl so, daß die meisten Piper gar kein Interesse daran haben, mehr aus diesem Instrument herauszuholen, was eigentlich sehr schade ist. Ich ermutige hiermit einen jeden dazu, die Halbtöne auf seinem Chanter auszuprobieren, und deren Faszination zu entdecken, sofern sie bei Euch spielbar sind.
Anbei eine Grifftabelle - wer Interesse / Fragen / Kritik / Anregungen und / oder Ideen hat, der möge sich gerne mit mir in Verbindung setzen, um weitergehend über dieses Thema zu diskutieren! Ich spiele einen Hardy´s Chanter (Blackwood) von ´96 , und einen Shepherd Chanter (Polypenco) von ´98 - Reeds sind von Shepherd.

mit musikalischen Grüßen, Thomas Zöller

oder
low A#
C natural
F natural
high G#

Nachtrag vom 13.12.2002:
Das F natural kann manchmal besser kommen, wenn man zusätzlich den Mittelfinger der unteren Hand vom Chanter nimmt - also der selbe Griff, der momentan gegeben ist, aber zusätzlich noch den Mittelfinger der u.H. weg.

Thomas Zöller